Ewige Herzen - Die Geschichte der Herzbestattung in Europa

3.  Das Herz im alten Ägypten

Die Vorstellungen der alten Ägypter von Tod und Weiterleben im Jenseits haben andere Völker und damit die gesamte Religionsgeschichte und Theologie entscheidend beeinflusst. Das Herz war für sie als Sitz der Vernunft, des Verstandes, des Willens, aller guten und schlechten Eigenschaften und als Speicher der Lebenserfahrungen, der Lebensbilanz des Trägers von entscheidender Bedeutung. Als allwissender Zeuge trennte es sich vor dem Totengericht von seinem Besitzer, trat selbständig vor den Totenrichter Osiris und sagte für oder gegen seinen Herrn aus. Wenn es bei der anschließenden Wägung „für zu schwer befunden“ wurde, wurde es mit seinem Träger von einem krokodilköpfigen Ungeheuer verschlungen.

Herzwaage beim Totengericht in der ägyptischen
                  Antike (Papyrus des Ani, Hunefer and Anhai, British
                  Museum, London)

< Herzwaage beim Totengericht in der ägyptischen Antike (Papyrus des Ani, Hunefer and Anhai, British Museum, London): Das Herz (links) wird gegen die Feder der Maat (rechts, Symbol für Gerechtigkeit) gewogen.

Diese zentrale Bedeutung des Herzens über Jahrtausende spiegelte sich in seiner besonderen Behandlung bei der Bestattung von Pharaonen, des Hofadels, allgemein der Reichen und Mächtigen wider, also bei der Konservierung der Verstorbenen für ein ewiges Leben und eine leibliche Auferstehung. Bei der Balsamierung wurden Eingeweide und Organe entnommen, das für die Ägypter bedeutungslose Gehirn wurde mit Haken durch die Augenhöhlen oder Nasenöffnungen entfernt. Die Eingeweide kamen mit Myrrhe und Natron vermischt, verteilt in drei Gefäße, sog. Kanopen, das Herz allein in eine vierte, deren Form häufig die der Herzhieroglyphe nachahmte , oder es wurde in die Brust der Mumie zurückgelegt oder mit Binden auf die Brust gewickelt.   

Alabasterkanopen (Rijksmuseum van Oudheden,
                  Leiden)
< Alabaster-kanopen (Rijksmuseum van Oudheden, Leiden)

Die Angst der Pharaonen, das Herz könne sich weigern, sie ins Jenseits zu begleiten, führte häufig zu dem Versuch, es durch ein anderes zu ersetzen. Dieser sog. Herzskarabäus (Käferstein) wurde ebenfalls in den Brustkorb gelegt oder über der linken Brust in die Binden eingewickelt, die den mumifizierten Leichnam verhüllten.

Es ist wahrscheinlich, dass hier bereits ein Vorbild für mittelalterliche Bestattungsriten von Eliten zu sehen ist, bei denen das Gehirn auch keine Sonderbehandlung erhielt, die Eingeweide, Herz und Körper hingegen gesondert begraben wurden.

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